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Shades Tours: Zeigt die facettenreichen Schattenseiten Wiens

Juni 2017

Unsere Kollegin und heutige Gastautorin Gerda Kasparec hat im Rahmen der Zurich Community Week an einer besonderen Stadtführung teilgenommen und erzählt uns von ihrem Erlebnis.


Im Rahmen der Zurich Community Week hörte ich zum ersten Mal von den Shades Tours und der Gelegenheit, Wien aus einer ganz neuen Sicht zu erleben – nämlich aus der Sicht eines obdachlosen Menschen. Ausgangspunkt für die ungewöhnliche Stadtführung war ein ruhiger Ort im 1. Wiener Gemeindebezirk.

Dort lernte ich mit ca. einem Dutzend Kolleginnen und Kollegen unseren Guide Dieter kennen, der uns freundlich begrüßte und nach unseren Erwartungen an die Tour fragte. Gleichzeitig stellte er auch klar, dass wir keine Einrichtungen für Obdachlose besuchen würden – die meisten Betroffenen schämen sich für ihre Situation und versuchen oft, ihre Lage vor Familie und früheren Bekannten zu verbergen.

Dieter sprach hingegen sehr offen über seine Erfahrungen auf der Straße und ermunterte uns, Fragen zu stellen, es gäbe keine Tabus. Davon machten wir ausgiebig Gebrauch, und es wurde ein sehr interaktiver Spaziergang durch die Innenstadt. Es war keine Führung im klassischen Sinn – es ging nicht um Sehenswürdigkeiten, Baustile, geschichtliche Hintergründe oder Ähnliches. Im Zentrum standen die Menschen, die durch individuelle Geschichten und Schicksale ihr Zuhause verloren hatten.

Bei der Frage, wie unserer Meinung nach ein Obdachloser aussehen würde, trugen wir einige Erkennungsmerkmale zusammen. Wir hörten danach, dass unsere Beschreibung (verwahrlost, schmutzig, zerrissenes Gewand, alkoholisiert etc.) nur auf einen kleinen Teil dieser Menschen zutreffend ist – auf jenen Teil, der sich schon aufgegeben und jegliches Schamgefühl verloren hat. Die überwiegende Mehrheit erkennt man nicht sofort, weil die Betroffenen versuchen, den Schein zu wahren, solange es nur irgendwie geht.

Wir erfuhren aus erster Hand, mit welchen Problemen obdachlose Menschen zu kämpfen haben. Während wir in erster Linie an Kälte, Hunger und Durst dachten, hörten wir, dass viele unter chronischem Schlafdefizit leiden, da die Nächte in Notschlafstellen sehr bewegt sind, wobei laut schnarchende Zimmergefährten noch zu den geringeren Übeln gehören.

Wir erfuhren aber auch, dass die Stadt Wien gemeinsam mit den vielen karitativen Einrichtungen verglichen mit anderen Ländern und Großstädten gut für Obdachlose sorgt. Sofern die Betroffenen nicht gegen die Hausordnungen der diversen Einrichtungen verstoßen, indem sie gewalttätig werden, Drogen nehmen oder übermäßig Alkohol konsumieren, müssen sie keinen Hunger leiden. Auch eine medizinische Grundversorgung ist gewährleistet.

Durch viel ehrenamtliches Engagement gibt es auch „Goodies“ wie einen kostenlosen Haarschnitt, warmes Gewand und einen Schlafsack im Winter oder Futter für den Hund – oftmals der letzte Freund, der dem Obdachlosen geblieben ist. Trotzdem ist das Leben auf der Straße bzw. in den sozialen Einrichtungen kein Ponyhof, wie es unser Guide ausdrückte.

Das Ziel ist, wieder eine eigene kleine Wohnung zu finden, ein geregeltes Einkommen und einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Unser Guide ist auf dem besten Weg dazu – er hat nach langem Suchen einen Vermieter gefunden, der bereit war, ihm trotz seiner Vorgeschichte eine leistbare Wohnung zu überlassen. Bald feiert er dort den ersten Jahrestag.

Dank Shades Tours hat er ein Betätigungsfeld gefunden, bei dem er seine eigene Geschichte aufarbeiten kann. Er betrachtet diese Arbeit ein wenig als Therapie. Und er ist Vorbild und Mentor für die „Freunde“ von der Straße, die noch nicht aufgegeben haben und auch wieder zurück in ein „normales“ Leben möchten.

Dieter macht seine Sache sehr gut – sehr authentisch, nichts beschönigend, schonungslos ehrlich und dabei humorvoll erzählte er unter anderem seine eigene Geschichte. Wir waren allesamt sehr beeindruckt von der zweistündigen Tour, kennen jetzt nicht nur den Unterschied zwischen obdachlos und wohnungslos bzw. das Verhältnis von männlichen und weiblichen Obdachlosen, sondern konnten auch ein paar Vorurteile abbauen.

Es gibt zahlreiche Gründe für Obdachlosigkeit und ebenso viele Lösungsansätze, um Menschen in prekären Wohn- und Lebenssituationen zu unterstützen. Als österreichisches innovatives Social Start-up organisiert Shades Tours Spaziergänge durch Wien. Durchgeführt von Obdachlosen mit dem Ziel, diese wieder in den Arbeitsmarkt und somit in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn auch Sie mehr über Shades Tours erfahren möchten, dann starten Sie doch mit einem virtuellen Besuch auf der Shades Webseite.



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